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"Ich möchte Leidenschaft zum Verändern erzeugen"

2013-01-16 13:00

Auf der re:publica 2011 traf Gunter Dueck auf ein Publikum, das ihn kaum kannte, aber umso begeisterter feierte. Wir freuen uns, ihn im Mai zum zweiten Mal begrüßen zu können, baten ihn im Vorgespräch um einen kurzen Rückblick und bekamen einen Blumenstrauß obendrauf.

Herr Dueck, Ihr re:publica-Debut im Jahr 2011 war ein Riesenerfolg.
Ihr Talk "Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem" war ein als Umarmung getarnter Rundumschlag, der zeigte, dass die digitale und die physische Gesellschaft nicht mehr trennbar sind und beide also gefälligst aufhören sollen, so zu tun, als könne jede Seite ihren eigenen Kram machen. Hat sich da inzwischen etwas getan?

Die 20 Monate seitdem sind beim Kulturwandel nicht soo viel Zeit, aber die mobile Revolution verändert derzeit schon sehr so einiges. Ich betreue gerade eine digitale Immigration im Alter von 70 durch ein iPad, die verläuft sehr ermutigend. Bald gibt es ja auch nur noch Smartphones zu kaufen, dann hat jeder irgendwie Internet! Ich habe mich damals auf der Bühne beklagt, dass ich bei der Telekom gleich neben Heidelberg für 16 Mbit bezahle und nur 784 kbit bekomme - jetzt hab ich echt 2 Mbit und bekomm schon ein Achtel des Bezahlten! Toll, oder?

Auf der anderen Seite tun die Piraten viel zu viel. Anstatt einfach nur weiter Pirat zu sein und sich wählen zu lassen, zerdiskutieren sie sich auf die Bitte der konservativen Gesellschaftskräfte hin, sich durch ein Parteiprogramm normal zu machen - ach ja. Im Ernst: Meine Rede 2011 hat etwas in meinem privaten Leben bewirkt. Ich bin nach dem dramatischen Twittersturm und wegen des vielgesehenen re:publica Videos immer öfter zu zukunftsphilosophischen Vorträgen eingeladen worden und durfte endlich vor größerem Publikum erklären, was mir am Herzen liegt: Dass das Internet unser Leben bereichern soll und uns in die Wissensgesellschaft führen soll - und dass es nicht in erster Linie gedacht ist, Arbeitsplätze zu vernichten und dann auch das Land. Ich konnte mich vielleicht letztlich wegen des re:publica Auftritts im Folgejahr 2011 entschließen, meinen Beruf als IBM CTO zum 60. Geburtstag per Frühpension aufzugeben und einfach dieser Linie zu folgen. Ich bin Ihnen da noch einen großen Blumenstrauß für Lebenssinnaufwertung schuldig!

Danke, das freut und ehrt uns! Bildung ist Ihr Lieblingsthema. Wenn Sie dürften, wären Sie lieber Bildungsminister, Schulleiter oder Lehrer?

Nicht wirklich Bildung, mehr "Der Mensch in artgerechter Haltung". Antwort: Lehrer. Bildungsminister werten es als Erfolg, ständig mehr Geld "in Bildung zu investieren" - bei gleichbleibendem System, was dann mehr Fensterwurfkunst als Investition ist. Dann lassen sie noch schnell ein paar Leuchtturmprojekte herumzeigen und freuen sich an der Vorstellung, dass es bald überall so wäre, so wie Faust II, der dadurch erlöst wird. Oh, das würde mich krank machen! Und für den anderen, richtigen Versuch, na "meinen" eben, da wär ich vielleicht nicht sturmerprobt genug. Schulleiten ist ja wie Management und Flöhehüten (Lehrer, Schüler, Eltern), das habe ich ja als Beruf schon hinter mir. Eine neue Zeit als Lehrer fehlt mir gerade beim Nachdenken über "neue Bildung". Meine "Kids" sind kurz vor dem Doktor und sagen, die Uni sei wie immer, wie zu meiner Zeit. Das haben sie in der Schule auch gesagt. Stimmt das? Ich würde das gerne noch einmal "fühlen", bevor ich zu einem "Aufruf-Mensch!-Buch" aushole.

Die re:publica freut sich schon auf Sie. Und selbst?

Ist schon beantwortet, oder? Was mich damals ein bisschen irritiert hat, ist diese Dauertwitterei, wer am besten reden könnte oder wer "Erfolg" habe, ist doch kein Wettbewerb von Menschen... Okay, es hat mir viel gebracht und mein Leben verändert, aber eigentlich möchte ich Leidenschaft zum Verändern erzeugen, nicht einfach "likes"... DAS würde mich freuen, wenn ich es schaffe! Na, da hab ich jetzt eine neue Gelegenheit. Es ist auch so, dass allein die Aussicht, auf der re:pulica zu reden, meine Hirnsynapsen irre anregt. Ich darf und ich MUSS jetzt etwas hervorbringen! Eustress! Sie hätten mir das also viel früher sagen müssen, dass ich reden darf...die Zwischenzeit ist doch so produktiv!

Gunter Dueck ist Mathematiker, Philosoph und Autor. Sein aktuelles Buch "Das Neue und seine Feinde" ist soeben im Campus-Verlag erschienen.